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Grabenkämpfe

Ist es nicht schön, gnädige Frau? Die Salzburger Festspiele sind schwer kultiviert – dabei ist ein Sinfonieorchester so friedlich wie eine Schlangengrube.

von Stephan Handel

Der Hornist hatte eine Affäre mit der Frau an der Harfe. Es war sehr geheim, aber alle wussten davon, denn wenn sie sich vor den Konzerten umzogen, konnte jeder die Kratzer am Rücken des Hornisten sehen, und: Die geile Sau, dachten die Kollegen. Dann aber war die Affäre vorbei, weil die Harfenistin nicht damit klar kam, dass der Hornist jeden Tag 20 Bier trank. Er war sauer, deshalb sperrte er die Dame nach einer Aufführung in den Orchestergraben, so dass sie die Nacht dort verbringen musste, obwohl am nächsten Tag Tannhäuser auf dem Programm stand, und jeder Harfenist weiß, wie schwer und wie anstrengend Tannhäuser für die Harfe ist.

Ach, es ist alles so harmonisch, in Salzburg und anderswo, wenn sich die Hochkultur versammelt: teure Garderobe, gehobener Smalltalk. Küss die Hand hier, küss die Hand da. Und das Orchester heute wieder! Weltklasse, wirklich. Wer so wundervolle Musik zustande bringt, so denken die meisten, der wird sicher auch außerhalb des Konzertsaals ein außergewöhnliches Verhältnis zueinander haben, voller Freundschaft und Sensibilität. Und gewiss könnte sich eine Geschichte wie die vom Beginn theoretisch auch im Finanzamt zutragen, nicht vorhandene Orchestergräben dort einmal vernachlässigt. Doch während durchschnittliche Finanzbeamte wahrscheinlich wenig Zeit darauf verwenden, ihre Kollegen zu hassen, sieht es im durchschnittlichen Symphonieorchester anders aus: Es ist ein Hauen und Stechen, ein Gemobbe und eine Intriganz, von der sich selbst die karrieresüchtigste BWL-Studentin etwas abschauen könnte.

Harmonie gibt’s nur im Musikalischen – zwischenmenschlich sind die Fronten ungefähr so verhärtet wie jene zwischen Israelis und Palästinensern, mit einem Unterschied: Im Nahen Osten gibt’s noch Hoffnung. Die Feindschaften zwischen den Musikern hingegen sind prototypisch. Sie haben nicht einmal etwas mit den dazugehörigen Menschen zu tun, die sich vielleicht ganz gut verstehen würden, wären sie Autoverkäufer, Staatsanwälte oder Preisboxer.

Der Musiker jedoch, der es geschafft hat, in seiner Jugend auf vieles zu verzichten für die Etüden an Geige oder Klarinette, der das Studium durchgestanden und ein Probespiel gewonnen hat – der hat in diesen rund 15 Jahren, bis er sich Philharmoniker nennen darf, eine Sozialisation erlebt, die ihn ganz klar einordnet ins Psychogramm eines Orchesters. Und die ihn dazu bringt, seinerseits alle Kollegen einzuordnen in gut, böse und »Geht so«.

Nein, sie mögen sich nicht. Das hat zum einen natürlich mit Künstlertum zu tun und dem dazugehörigen Hang zur Selbstüberschätzung: Der Solotrompeter eines nordfränkischen Orchesters teilte seinen Schülern am Konservatorium in jeder zweiten Stunde mit, was für ein Vollidiot sein nächster Kollege doch sei; dieser, der zweite Trompeter also, werde erst Furore machen, wenn eine Frau auf die Bühne komme mit einem Schild und der Ankündigung, der zweite Trompeter werde in der Pause öffentlich einen Esel begatten. Der Solist, der so sprach – und er benutzte sehr viel unanständigere Wörter –, trug immerhin einen Professoren-Titel.

Eine solche Feindschaft allerdings ist eher selten: In den Instrumentengruppen gibt es wohl so etwas wie Solidarität, die sich bei den Blechbläsern vor allem in Schafkopf- und Skatrunden niederschlägt, während die Streicher sich zu kammermusikalischen Quartetten zusammentun. Die Fronten verlaufen zwischen den Registern – und wer die Landkarte der Verwerfungen einmal gezeichnet hat, der wundert sich, dass diese 60 oder 90 oder 120 Leute überhaupt noch einen Takt gemeinsam zustande bringen, geschweige denn eine ganze Symphonie. Zur Verdeutlichung: Wenn die Fußball-Fans der Bayern und der Löwen, der Schalker und der Dortmunder, der Deutschen und der Niederländer aufeinandertreffen – dann ist das eine harmonische Veranstaltung im Vergleich zur Atmosphäre in einem normalen Opern- oder Symphonieorchester.

Es gibt die eine Hauptfront, die eine Erbfeindschaft, gegen die die frühere gegenseitige Abneigung der Deutschen und der Franzosen ein laues Lüftchen war. Die Grundthese ist: Bläser hassen Streicher. Streicher hassen Bläser. Diese Feindschaft wird dem Musikschüler schon in den ersten Jahren seiner Laufbahn vermittelt, wenn er sich noch mit Fingerübungen und Intonation herumplagt. Später, wenn er die ersten Orchester-Seminare besucht, wird die Front zementiert – meistens von den Blechbläsern, die die geigende Fraktion zu einem Fußballspiel herausfordern und das am Schwarzen Brett plakatieren: »Heute Abend großes Fußballspiel – Streicher gegen Musiker«. Großes Geheul natürlich bei den Streichern, von da an ist nichts mehr zu retten.

Woher kommt das? Nun, das ist einfach zu erklären: Streicher brauchen relativ lange, bis sie ensemblefähig sind, was an den komplizierten Intonations-Problemen auf den markierungslosen Griffbrettern liegt. Wer jemals einem Geigen-Anfänger beim Üben zugehört hat, weiß, wovon die Rede ist. Die meisten Bläser hingegen, die Blechbläser vor allem, haben in einem Musikverein zu spielen begonnen, der Interesse daran hatte, den Nachwuchs schnell in die Blaskapelle zu integrieren. So haben praktisch alle Bläser Bierzelt-Erfahrung, was zwei Folgen nach sich zieht: zum einen eine gewisse Toleranz alkoholischen Getränken gegenüber. Zum anderen eine Lässigkeit, den Umgang mit der Musik betreffend – wer jemals eine rauschige Meute nächtelang mit dem Zillertaler Hochzeitsmarsch und dem Ententanz beschallt hat, macht sich über das Wesen der Kunst keine großen Illusionen mehr.

Währenddessen sitzen die Geiger in Streichquartett-Proben, von denen die Bläser sagen: Ein Streichquartett ist, wenn ein guter Geiger, ein schlechter Geiger, ein ehemaliger Geiger und ein Tenorgeiger zusammenkommen, um sich über Komponisten zu beschweren. Kurz gesagt also: Die Bläser halten die Streicher für verkopfte, arrogante Künstleridioten. Die Streicher halten die Bläser für besoffene Ignoranten, die von Musik keine Ahnung haben. Natürlich haben beide Recht.

Wie immer bei großem Hass spielt selbstverständlich auch Neid eine Rolle. Der Neid der Bläser richtet sich darauf, dass die Streicher meistens die besseren Frauen abbekommen, weil die auf die Künstler-Attitüde abfahren. Den Neid der Streicher kann man an der Sitzordnung ablesen: Die Münchner Philharmoniker haben 20 erste Geigen, 18 zweite Geigen und 14 Bratschen. Wie viele Trompeter haben sie? Fünf, und in den meisten Werken werden nur zwei, höchstens vier gebraucht.

Wenn das Blech einsetzt, dann wird es gehört, da ist jeder Solist. Die Streicher an den hinteren Pulten hingegen spielen, wenn alle anderen auch spielen, und wenn sie abends mal in sich gehen, müssen sie sich selbst eingestehen: Es ist eigentlich ziemlich egal, was sie spielen. Im Orchester-Jargon heißen sie »Tuttischweine«. Das Tutti-Schwein ist der Sachbearbeiter unter den Musikern – mach dein Zeug, fall nicht auf, hab’ deine Ruhe.

Ein Trompeter, der nicht auffallen will, hat seinen Beruf verfehlt.

Zwei Solisten von Wiener Orchestern, durchaus mit dem Selbstbewusstsein ausgestattet, in der Musikstadt der Welt Profi zu sein, und in der Lage, unglaublichen Krach zu machen, hörten von einem Trompeter in den USA, der noch das lauteste Tuttischwein-Fortissimo überstrahlen konnte. Da müssen wir hin, sagten sie sich, buchten den Flug, besorgten einen Termin beim Meister und fragten ihn, wie er das mache, so laut zu spielen. »Da hol’ ich tief Luft und dann blas ich feste rein«, soll er geantwortet haben, was die beiden Wiener zwar auch nicht viel weiter brachte, aber wohl ein Licht wirft auf die Gemütsverfassung von Blechbläsern: Sie blasen feste rein und nehmen den Rest nicht so wichtig.

»Wir wachsen in dem Bewusstsein auf«, schreibt Wynton Marsalis, einer der besten auf seinem Instrument, »dass Trompeter die Mauern von Jericho niedergeblasen haben, dass die Trompete Gabriels den Willen Gottes verkündet hat und dass das größte und hipste Tier, der Elefant, seinen Rüssel besitzt, um – so glauben wir – zu trompeten. Diese grandiosen Bilder formen die Person des klassischen Trompeters: dreist, ungestüm, großspurig, cool, bestimmend.«

Kundar Krieg, Hornist im Kölner Gürzenich-Orchester, nennt die Trompeter – und ihre übrigen Blech-Kollegen – »ausgesprochene Instrumental-Machos«: »Wehe dem Orchester, dem kein starker Führer vorsteht! Es ist diesem musikalischen Rollkommando schutzlos ausgeliefert.«

Starker Führer? Der Wicht da vorne, der für ein, zwei Proben vor dem Konzert anreist und alle verrückt macht? Wenn es nicht gerade die großen Stars der Szene sind, Simon Rattle, Zubin Mehta, Riccardo Muti, wenn einer jener reisenden Kapellmeister kommt, der heute hier, morgen da den Takt vorgibt – dann verachten die Musiker ihn, tun nur so, als würden sie den Anweisungen zuhören und spielen am Ende doch so, wie sie’s immer gemacht haben. Und auf die Schrulligkeiten mancher Maestri machen sich die Orchester ihren eigenen Scherz: Ein Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde einmal gefragt, wie sie mit Furtwänglers Eigenart zurechtkämen, ewig lange voraus zu zählen, bevor die Musik anhob. »Wir zählen bis 17, dann geht’s los«, sagte er.

Das Blech hält jedenfalls zusammen – auch wenn die Trompeter auf alle herabschauen und zum Beispiel die Posaunisten als »Hin-und-Her-Trompeter« bezeichnen. Die wehren sich, indem sie auf den wahnsinnig komplizierten Umgang mit Zug und Quartventil verweisen. Andererseits: So furchtbar viel zu tun haben sie nicht; wenn jemand im Kurkonzert Würstel brät für die Pause, dann sind das sicher die Posaunisten mit Hilfe der Schlagzeuger. Die Hornisten werden von ihren Blech-Kollegen mit Argwohn betrachtet. Denn zum einen fraternisieren sie gelegentlich mit den Holzbläsern. Zum anderen – erneut Kundar Krieg, der es ja wissen muss – ist ihr Instrument »gefürchtet wegen seiner zahlreichen Unfälle. Greift ein Hornist zu seinem Instrument, so verbreitet sich Nervosität im Orchester.« Nicht umsonst heißt das Horn im Musikerjargon auch »Glücksspirale«.

Das sind aber nur kleinere Frotzeleien im Vergleich zum großen Antagonismus Bläser – Streicher. Merkwürdigerweise haben jedoch die Cellisten einen Hang zum Blech – dass sie von ihren Streicher-Kollegen für irgendwie absonderlich gehalten werden, erklärt die Sache nicht, denn die eigentlichen Außenseiter sind die Bratschen, über die es mehr Witze gibt als über die Österreicher. Cellisten hingegen, obschon mit wichtigen Rollen und wunderbaren Stellen in der Orchesterliteratur ausgestattet, scheinen sich selbst als die Parias der Bogenkünstler zu verstehen. Wenn’s nach dem Konzert zum Trinken geht jedenfalls, sind sie als Einzige am Bläser-Tisch geduldet, und sie bleiben auch meistens bis zum Schluss.

Damit sich Streicher und Blech beim Spielen nicht an den Kragen gehen, sitzen als menschlicher Puffer die Holzbläser dazwischen. Die gehören eigentlich auch zur Anti-Streicher-Fraktion. Aber aus Sicht der Trompeter sind sie, nun ja: verdorben. Denn sie, meistens ebenfalls mit Blasmusik-Vergangenheit, leugnen ihre Wurzeln und wollen auch Künstler sein. Die Flötisten glauben, sie seien die Größten, weil ihr Instrument in der Partitur ganz oben steht. Die Oboen denken von sich dasselbe, nur weil sie im Besitz des Kammertons sind und vorm Konzert, beim Stimmen, alle auf sie hören müssen.

Dass das alles auf großer Selbsttäuschung beruht, wird erkennen, wer den Holzbläsern zusieht: Sie bekommen einen unansehnlich roten Kopf (Oboe) oder machen ein Gesicht, als würden sie eine Kieferkorrektur benötigen (Klarinette). Das Fagott wird von den anderen Musikern »Spuckstock« genannt - das sagt alles.

Wird die Querflöte von einer Frau gespielt – was bitte so sein möge, kein Mann sollte Querflöte spielen –, dann ergibt sich eine erstaunliche Verwandtschaft mit dem Einzelkind des Orchesters: mit der Harfe. Auch sie wird meistens von Frauen bedient, die ebenso wie die Flötistinnen oft feengleich sind, esoterisch, dünnfingrig, mit großen Vorbehalten gegenüber dem Trinkgebaren der Blechbläser. Dass dahinter, wie in der eingangs erzählten Geschichte, große Leidenschaften schlummern, kommt eher selten vor. Flötistinnen und Harfenistinnen sind sozusagen die Sozialpädagogen unter den Musikern, leise Instrumente, leise Frauen, zart: Tu niemandem weh, dann wird dir nicht wehgetan.

Ein böses Schicksal jedoch hat der Harfe einen Platz ganz hinten im Orchester zugewiesen, nahe beim Schlagzeug, und das ist eine eigene Bande. Von den Streichern werden Schlagzeuger fast noch mehr verachtet als die Blechbläser, denn: Kann es Musik sein, irgendwo draufzuhauen? (Dass ein Pianist im Grunde nichts anderes macht, wird dabei vergessen.) Das Problem der Schlagzeuger ist, dass sie nach einer unglaublich komplexen Ausbildung an allen Instrumenten des Schlagwerks – Pauken, Trommeln, Triangel, aber auch Drumset, Xylophon, Vibraphon –, nach dem auch körperlich anstrengendsten Training aller Musikstudenten, später im Orchester rumsitzen und nichts zu tun haben.

In Bruckners 9. Symphonie zum Beispiel gibt es im dritten Satz einen Beckenschlag. Das ist der Höhepunkt des Werkes, weshalb alle Schlagzeuger an dieser Stelle anderweitig beschäftigt sind – also muss für diesen einen Beckenschlag ein Extra-Musiker die ganze Symphonie absitzen; er hat vorher nichts zu tun und hinterher auch nichts. Ein einziger Ton während eines ganzen Konzerts: Da muss man sich nicht wundern, dass sie Ausgleich in der Freizeit suchen und Ergötzen daran finden, Werke zu spielen, in denen sie mit den Füßen Siebenachtel-Takte trommeln, mit der linken Hand Elfachtel und mit der rechten Neunsechzehntel. Die anderen Musiker halten sie deswegen zu Recht für schrullig.

So geht’s zu im Orchester – erstaunlich, dass dabei doch noch ab und zu wunderbare Musik herauskommt. Am Montag spielen die Wiener Philharmoniker in Salzburg ihr erstes Festspiel-Konzert dieses Jahres. Auf dem Programm steht auch der »Zarathustra« von Richard Strauss, der bekanntlich mit dem Blech anhebt, woraufhin der Pauker gehörig dreinzuhauen hat. Da werden die Krachmacher in den hinteren Reihen sich wieder einmal bestätigt fühlen, und die Streicher werden still in sich hineinfluchen.

Nein, sie mögen sich nicht, und sie werden sich nie mögen.

Süddeutsche Zeitung vom 23./24.07.2005



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